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Der Terror wütet in Kabul

July 8, 2008 in Der Terror wütet in Kabul

Ein Selbstmordanschlag auf die indische Botschaft tötete mindestens 44 Menschen, darunter zwei Diplomaten. Das Blutbad trägt die Handschrift der Taliban.
WILLI GERMUND

KABUL (SN). Man nennt sie die Selbstmordstunde, jene Zeit zwischen 7.30 Uhr und neun Uhr in der Früh, während sich in den verstopften Straßen von Afghanistans Hauptstadt Kabul der Berufsverkehr staut. Der Verteidigungsattaché der indischen Botschaft und sein Kollege Venkateswara Rao, die Nummer Drei der Vertretung, fuhren trotzdem täglich kurz nach acht Uhr zum Dienst vor. Sie vertrauten auf die Sicherheitsmaßnahmen der afghanischen Behörden. Das Innenministerium liegt in der selben Straße. Taxis dürfen nicht passieren. Polizisten bewachen Ein- und Ausfahrt.

Die beiden Diplomaten waren gerade angekommen, als der Selbstmordattentäter sein Auto in das Eingangstor der Botschaft rammte. Sie wurden von der Bombe getötet. Die Leiche von Venkateswara Rao wurde erst Stunden später gefunden. Die Wucht der Explosion hatte sie auf eine nahe gelegenes Dach geschleudert. Mindestens 44 Menschen starben, mehr als 140 erlitten Verletzungen. Die meistens Opfer hatten sich in einer ordentlichen Warteschlange vor der Botschaft angestellt, weil sie ein Visum für Indien wollten. „Sie sind tot, sie sind tot“, schrie eine Frau, die zwei Kinder bei dem Anschlag verlor. „Das war so furchtbar! Alle diese unschuldigen Menschen“, sagte noch Stunden später Faisal Mohammad mit tränenerstickter Stimme. Der unverletzte Manager des lokalen Büros der Fluglinie „Air India“, das gegenüber der Botschaft liegt, konnte das Inferno kaum beschreiben. Der beißende Geruch von explodiertem Sprengstoff hing noch zu Mittag über den Trümmern, während Experten zwischen Leichenteilen und Blutlachen Spuren sicherten.

Seit fünf Jahren schon besitzt die indische Regierung ein großes Grundstück neben der deutschen Botschaft im streng abgeschirmten und überwachten Stadtteil Wazir Akhbar Khan. Doch die Bauarbeiten für die neue Gesandtschaft gingen nicht voran und nun überlistete der Selbstmordattentäter den „eisernen Ring“, den die Behörden seit Monaten rund um Kabul aufrecht erhalten: Jedes Fahrzeug, das in die Stadt kommt, wird überprüft. Nervös nähern sich Polizisten auch in der Stadt vor allem den vielen weißen Toyota-Corollas, die auf den Straßen unterwegs sind. Sie gelten als „typischen Fahrzeuge“, die Selbstmordattentäter in Kabul mit ihren zunehmend stärkeren Bomben oft benutzen. Immer wieder gelingen Anschläge im Herzen der Hauptstadt. Zu Jahresbeginn war es einer Gruppe Taliban gelungen, im Stadtzentrum in das Nobelhotel „Serena“ einzudringen, während dort der norwegische Außenminister weilte. Während der Feier zum Nationalfeiertag feuerten Gotteskrieger auf die Parade und trieben Präsident Hamid Karzai mitsamt dem diplomatischen Korps in die Flucht. Zwei der Täter hatten zuvor monatelang im Innenministerium gearbeitet. Im Juni befreiten die Taliban knapp 1000 Gefangene aus dem Gefängnis in der südafghanischen Stadt Kandahar.

In einer ersten Stellungnahme am Montag wiesen die Taliban jede Verantwortung für das Attentat gegen die indische Botschaft zurück. In Kabul glaubt niemand diesen Beteuerungen. Denn die Attentäter trafen eines der Länder, die in Afghanistan eine Schlüsselrolle spielten. Neu Delhi baut Straßen am Hindukusch und stützte jahrelang die „Nordallianz“, die vor 2001 die mit Pakistan verbündeten Taliban bekämpfte. Indien unterhält zahlreiche Konsulate in verschiedenen Landesteilen Afghanistans. Das Attentat könnten für neuen Zündstoff sorgen. „Das Talibanproblem ist deshalb so groß, weil regionale Spieler etwas gegen die Anwesenheit ausländischer Truppen in Afghanistan haben“, behauptete am Wochenende Ahmed Wali Karzai, der 47-jährige Bruder des Präsidenten in der südafghanischen Stadt Kandahar gegenüber den SN. Gemeint waren vor allem der Iran und Pakistan. Indien dagegen steht fest auf westlicher Seite, weil es den pakistanischen Einfluss in Afghanistan eindämmen will.